Im ersten Halbjahr 2026 ist etwas passiert, das es so noch nie gab. Psychische Erkrankungen waren erstmals der häufigste Grund für Krankschreibungen in Deutschland. Das zeigt die Halbjahresanalyse der DAK. Auf 100 Versicherte kamen 184 Fehltage wegen psychischer Leiden, ein Plus von 9 % gegenüber dem Vorjahr.

Vom dritten auf den ersten Platz

Damit diese Zahl ihre Wirkung entfaltet, lohnt ein kurzer Blick zurück. 2024 lagen psychische Erkrankungen bei den Fehltagen noch auf Platz drei. 2025 waren sie auf Platz zwei. Und jetzt stehen sie an der Spitze. Das ist eine eindeutige Entwicklung.

Spannend finde ich den Vergleich mit den Atemwegserkrankungen. Die sind im selben Zeitraum um 21 % zurückgegangen. Erkältungen und Grippe lassen also nach, die Belastung der Psyche nimmt zu. Der Krankenstand verschiebt sich gewissermaßen von der Nase in den Kopf.

Warum das alle angeht

Im Schnitt fehlten Beschäftigte 2025 laut IAB 14,6 Tage. Die Bundesregierung möchte den Krankenstand senken, und darüber wird gerade viel diskutiert. Wer ernsthaft über Fehlzeiten spricht, kommt an dieser Zahl aber nicht vorbei. Der am schnellsten wachsende Teil des Krankenstands ist der psychische.

Und das betrifft beide Seiten. Für Beschäftigte geht es um Gesundheit, Lebensqualität und oft auch um die Familie zu Hause. Für Unternehmen geht es um Ausfälle, Mehrbelastung im Team und am Ende um Leistungsfähigkeit.

Was dahintersteckt

Psychische Erkrankungen entstehen selten über Nacht. Häufig steht am Anfang eine lange Phase von Dauerstress. Das Stressprogramm im Körper ist eigentlich für kurze Gefahren gemacht, wie z.B. bei einer Gefahr: das Herz schlägt schneller, die Atmung wird flach, die Muskeln werden angespannt. Wenn die Gefahr vorüber ist, fährt der Körper wieder herunter. Problematisch wird es, wenn das Herunterfahren ausbleibt. Wenn auf die eine E-Mail die nächste folgt, auf das eine Meeting das nächste, und abends noch Stress mit der Familie wartet.

Fachleute sprechen dann vorsichtig von einer Erschöpfungstendenz. Typische Zeichen sind schlechter Schlaf, Dauerverspannung im Nacken, Gereiztheit und das Gefühl, nie richtig abzuschalten. Wer sein Bewusstsein dafür schärft und Zeichen früh bemerkt, hat die besten Chancen gegenzusteuern.

Woran man Frühwarnzeichen erkennt

Viele Menschen merken erst sehr spät, dass sie schon lange über ihre Grenzen gehen. Deshalb lohnt es sich, auf ein paar typische Signale zu achten. Einzeln sind sie harmlos. Treten mehrere über Wochen auf, ist das ein deutlicher Hinweis.

  • Man wacht morgens schon müde auf, obwohl man genug geschlafen hat.
  • Kleinigkeiten bringen einen schneller aus der Fassung als früher.
  • Schultern und Nacken sind dauerhaft fest.
  • Abends kreisen die Gedanken weiter um die Arbeit, Einschlafen wird zur Qual.
  • Dinge, die früher Freude gemacht haben, fühlen sich nur noch nach Pflicht an.

Wer sich darin wiedererkennt, hat einen guten Anlass, innezuhalten und bewusst gegenzusteuern.

Prävention setzt vorher an

Genau hier liegt für mich die eigentliche Botschaft dieser Zahlen. Wir können sehr viel tun, bevor jemand ausfällt. Stresskompetenz lässt sich lernen: Informieren >> Bewusstsein schaffen >> Verhalten ändern, heißt konkret: Verstehen, wie Stress entsteht, Frühwarnzeichen erkennen, Belastung sofort regulieren und regelmäßig Ausgleich schaffen. Das klingt einfach, und im Kern ist es das auch. Es braucht nur Übung und einen Rahmen, in dem man es wirklich lernt.

Wenn ich an Unternehmen denke, frage ich mich manchmal, warum Prävention immer noch so oft als Wellness oder Privatsache gilt. Bei diesen Zahlen ist sie schlicht Vorsorge an der Wurzel. Und für jeden Einzelnen gilt: Das eigene Nervensystem kann einem niemand abnehmen. Kein Chef und kein Gesetz bringt es zur Ruhe. Das Stressprogramm springt bei jedem Menschen an. Es liegt an uns, wie wir damit umgehen.

Im nächsten Beitrag schauen wir auf die Forschung: Was zehn Jahre Studien über Qigong und Tai Chi zeigen.

Bildungsurlaub: Dein Recht auf Weiterbildung

In fast allen Bundesländern hast du einen gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub, meist fünf Arbeitstage im Jahr oder zehn Tage in zwei Jahren, bei voller Bezahlung.

Der Antrag ist einfacher, als viele denken. Reiche ihn möglichst zeitnah bei deinem Arbeitgeber ein, damit du dir noch einen Platz in den oft begrenzten Kursen sicherst. Spätestens sechs Wochen vor Seminarbeginn sollte er vorliegen, in einigen Bundesländern auch etwas früher. Das offizielle Seminarprogramm für deinen Antrag bekommst du auf Anfrage beim Anbieter.

Ablehnen darf der Arbeitgeber nur aus bestimmten Gründen, etwa wenn dringende betriebliche Belange dagegen sprechen. Und eigentlich liegt der Bildungsurlaub in seinem eigenen Interesse: Wer lernt, mit Stress umzugehen, bleibt gesünder, konzentrierter und leistungsfähiger.

→ Fristen und Regeln in deinem Bundesland

→ Argumente für das Gespräch mit deinem Arbeitgeber

→ Angebote zur Stressbewältigung im Bildungsurlaub

Quellen: DAK-Gesundheit: Halbjahresanalyse Krankenstand 2026 · DAK Psychreport 2026 · IAB, Fehltage je Arbeitnehmer 2025

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