Qigong und Tai Chi gelten in Deutschland oft noch als sanfte Bewegung für Senioren im Park. In den USA sieht man das inzwischen deutlich nüchterner. Die US-Veteranenbehörde, kurz VA, hat die Forschung aus zehn Jahren systematisch ausgewertet. Das Ergebnis ist bemerkenswert, und ich möchte es hier einmal einordnen.
Eine Auswertung aus zehn Jahren
Das Evidence Synthesis Program der VA hat für die Jahre 2014 bis 2024 eine sogenannte Evidenzkarte erstellt. Aus über 1.000 möglichen Veröffentlichungen blieben 25 bis 26 hochwertige systematische Übersichtsarbeiten übrig. Das sind Arbeiten, die ihrerseits viele Einzelstudien zusammenfassen. Untersucht wurden 21 verschiedene Gesundheitsthemen bei Erwachsenen.
Ein Detail finde ich besonders wichtig. Qigong und Tai Chi wurden in diesen Arbeiten mit aktiven Vergleichsgruppen verglichen, also zum Beispiel mit herkömmlichem Training oder Schulungen. Untersucht wurde also, ob diese Methoden mit anderen sinnvollen Angeboten mithalten können.
Wo die Ergebnisse am deutlichsten sind
Die stärkste Sicherheit sahen die Forschenden bei zwei Themen: beim Blutdruck und bei der Knochendichte. Für beide liegt eine hohe Evidenz vor, dass die regelmäßige Praxis hilft. Beim Thema Knochendichte weisen die Autoren selbst darauf hin, dass viele Studien in China mit Frauen gemacht wurden und weitere Forschung sinnvoll ist.
Eine moderate Evidenz fand die Auswertung unter anderem für diese Bereiche:
- chronische Rückenschmerzen und Kniearthrose
- Gleichgewicht und Sturzprävention im Alter
- depressive Symptome und Ängstlichkeit
- Schlafstörungen und Erschöpfung
- Typ-2-Diabetes und chronische Lungenerkrankungen
Und wie sicher ist das Ganze?
Auch das wurde ausgewertet. Die große Mehrheit der Übersichtsarbeiten hat Nebenwirkungen erfasst, und das Fazit ist klar: Schwerwiegende Nebenwirkungen traten nicht auf. Für eine Methode, die man ein Leben lang üben kann, ist das ein starkes Argument.
Warum langsame Bewegung so viel bewirkt
Viele unterschätzen Qigong, weil die Bewegungen so ruhig aussehen. Gerade darin liegt aber die Wirkung. Langsame Bewegungen verlangen Aufmerksamkeit. Man spürt, wo der Körper blockiert, wo das Gleichgewicht wackelt, wo es sich „unrund“ anfühlt. Diese Wahrnehmung ist bereits der erste Schritt zur Regulation.
Dazu kommt die Verbindung von Bewegung und Atmung. Wer sich langsam bewegt und dabei ruhig atmet, gibt dem Körper ein klares Signal: Alles ist in Ordnung. Das Nervensystem kann vom Alarmmodus in den Erholungsmodus wechseln. Und weil der Kopf mit den Bewegungen beschäftigt ist, kommt das Gedankenkarussell leichter zur Ruhe als beim Versuch, still zu sitzen.
Die Alchemie ist entscheidend
Zu behaupten, alleine die langsamen Bewegungen und Achtsamkeit wären der Schlüssel zur Heilung, ist zu kurz gegriffen. Qigong folgt einer inneren Alchemie, die auf der Traditionellen Chinesische Medizin beruht. Tatsächlich zählt Qigong zur 5. Säule in der TCM. Es geht u die Aktivierung von Meridianen (Energieleitbahnen) und Akupunkturpunkten sowie das Herstellen der inneren Harmonie durch Ausgleich der Naturkräfte Yin und Yang.
Was das für den Alltag bedeutet
Für mich als Qigonglehrerin und Praktizierende bestätigt diese Auswertung, was viele Übende seit Langem erleben. Die bewussten, korrekt ausgeführten Bewegungen, die gelenkte Aufmerksamkeit wirken zusammen. Und nicht zuletzt geht es beim Qigong nicht um Auspowern und Grenzerfahrungen, die einen körperlich und mental ans Limit bringen. Die Devise lautet hier: Gehe nicht weiter als 80 % an dein Limit. Qigong wird deshalb oft als Meditation und Medikation in Bewegung beschrieben. Gerade unruhige Menschen finden darüber oft leichter in die Ruhe.
Die VA weist selbst auf offene Fragen hin. Welcher Stil, welche Dauer und welche Häufigkeit am besten wirken, soll weiter erforscht werden. Das finde ich ehrlich und wichtig. Eine Methode muss nicht alles erklären können, um nützlich zu sein. Und eines bleibt ohnehin klar: Qigong ergänzt eine ärztliche Behandlung, ersetzt sie aber nicht.
Wer einsteigen möchte, sollte auf eine gute Anleitung achten. Eine erfahrene Lehrkraft achtet auf einen richtigen Ablauf und kontrolliert ggf. bei Fehlern. Dann wird aus einer alten chinesischen Übungsform ein sehr moderner Baustein für Gesundheit im Berufsalltag.
Im nächsten Beitrag geht es um einen Anspruch, den kaum jemand nutzt: den Bildungsurlaub.
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→ Fristen und Regeln in deinem Bundesland
Quellen: Mak et al.: Evidence Map of Tai Chi and Qigong: Update from 2014–2024. VA Evidence Synthesis Program · VA Management Brief No. 239