Bleiben oder gehen? Stress als Grund für einen Jobwechsel

Stress liegt fast gleichauf mit Gehalt und Karriere

Mehr als jeder Dritte denkt wegen Stress über einen Jobwechsel nach. So steht es in der Wechselwilligkeitsstudie von XING aus dem Jahr 2026. Überrascht hat mich diese Zahl ehrlich gesagt nicht. Überrascht haben mich die Abstände. Schauen wir kurz drauf: Das Gehalt liegt bei 41 %, die Aufstiegschancen bei 38 % und ein hohes Stresslevel bei 36 %. Das ist fast ein Gleichstand.

Was heißt das? Die Belastung im Alltag ist für viele Menschen inzwischen fast so wichtig wie Geld und Karriere. Und das sagt eine Menge darüber aus, wie es Beschäftigten gerade geht.

Die meisten wollen trotzdem bleiben

Jetzt wird es interessant. Dieselbe Studie zeigt nämlich auch, dass 64 % langfristig bei ihrem Arbeitgeber bleiben wollen. Das klingt zunächst widersprüchlich. Ist es aber gar nicht. Die meisten Menschen mögen ihre Arbeit ja grundsätzlich. Der wichtigste Grund zu bleiben ist Jobsicherheit, danach folgen Wertschätzung mit 38 % und Weiterbildung mit 21 %.

Wenn man beide Zahlen nebeneinanderlegt, hört man fast einen Satz heraus: Eigentlich will ich hier gar nicht weg, ich kann nur so nicht weitermachen. Genau da liegt für mich der Kern dieser Studie.

Wie ernst die Lage ist

Und die Lage ist ernster, als viele wahrhaben wollen. In einer Befragung der Pronova BKK aus dem Jahr 2025 haben 61 % der Beschäftigten ihr eigenes Burnout-Risiko als mäßig oder hoch eingeschätzt, 18 % sogar als hoch. Der TK-Stressreport 2025 kommt zu einem ähnlichen Bild: Zwei Drittel der Menschen in Deutschland fühlen sich häufig oder manchmal gestresst.

Wenn sich so viele Menschen selbst an ihrer Grenze sehen, dann sollten wir das sehr ernst nehmen.

Warum ein Jobwechsel allein selten reicht

Liegt ein Jobwechsel dann nicht nahe? Manchmal ja, zum Beispiel bei einer wirklich belastenden Unternehmenskultur. Ich rate trotzdem dazu, genau hinzuschauen. Ein neuer Job bringt erst einmal neue Anforderungen mit sich: Einarbeitung, Probezeit, neue Kollegen, neue Erwartungen. 

Und dann gibt es etwas, das gern übersehen wird. Die eigenen Muster ziehen mit um. Wer schwer abschalten kann, kaum Pausen macht, sich schlecht abgrenzt und nie Nein sagen kann, nimmt das alles an den neuen Arbeitsplatz mit. Deshalb scheint die Frage „Wie gehe ich mit meinem Energiehaushalt um? Wo trage ich selbst zu dieser Situation bei?“ oft wichtiger als die Frage „Wohin wechsle ich?“.

Der dritte Weg: Stresskompetenz

Zwischen Kündigen und Durchhalten gibt es einen dritten Weg, und das ist Stresskompetenz. Die gute Nachricht: Man kann sie lernen. Es geht im Grunde um drei Dinge. Erstens Frühwarnzeichen rechtzeitig bemerken. Zweitens Belastungsreaktionen regulieren. Und drittens regelmäßig wirklich zur Ruhe kommen.

Bildungsurlaub: freigestellt, um Stresskompetenz zu lernen

Aus diesem Grund sollten Zeiten, in denen Mitarbeiter ein gesundes Stress- und Selbstmanagement lernen, keine persönliche Angelegenheit sein – zumindest, wenn dem Unternehmen an dem Mitarbeiter liegt.  Deshalb werden Seminare zur Stressbewältigung von den meisten Bundesländern als Bildungszeit anerkannt, und der Arbeitgeber stellt die Teilnehmenden dafür frei. Erstaunlicherweise nutzt nur etwa jeder Zwölfte diesen Anspruch. Viele wissen schlicht nicht, dass es ihn gibt.

Mein Rat an alle, die gerade über eine Kündigung nachdenken oder auf dem „Zahnfleisch gehen“: Erst reflektieren und Möglichkeiten zur Stressbewältigung lernen, und danach entscheiden. Mit mehr innerer Ruhe sieht man klarer, ob ein Wechsel wirklich nötig ist. Und falls es doch ein neuer Job wird, startet man dort mit vollem Akku und hoffentlich mit neuem Mindset.

s.a. Bildungsangebote zur Stressbewältigung  

Im nächsten Beitrag geht es um eine Zahl, die Arbeitgeber aufhorchen lässt: Psychische Belastungen sind 2026 erstmals der häufigste Grund für Krankschreibungen.

Quellen

XING Wechselwilligkeitsstudie 2026, zit. nach Statista/XING „Trends in der Arbeitswelt 2026“
Pronova BKK 2025, zit. nach Statista
TK-Stressreport 2025, Techniker Krankenkasse

Stichworte: Burnout-Risiko, Kündigung wegen Stress, Bildungsurlaub, Stressbewältigung

Foto: KI-generiert

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